Lebensmittelverschwendung

Äpfel im Supermarkt-RegalInhalt
Kostenlos vom Wochenmarkt

Gar nicht weit weg von der Berliner Geschäftsstelle des Bund für Umwelt- und Naturschutz findet zweimal wöchentlich ein Obst- und Gemüsemarkt statt.
Wer hier einkauft bemerkt schnell, dass große Mengen frischer Ware gar nicht verkauft werden.  Produkte, die nicht mehr komplett makellos sind, werden gesammelt und dann von Müllwagen abtransportiert.  Man braucht nicht einmal sehr genau hin zu sehen, um zu erkennen, dass das meiste durchaus noch genießbar ist.
Ab und zu sieht man Menschen, die sich hier eine Tüte voll Lebensmitteln aussortieren.
Eine alte Dame sitzt am Rande des Geschehens  mit einer Schale Blaubeeren  und futtert genussvoll.  Die Blaubeeren hat sie geschenkt bekommen. Ab und zu sortiert sie mal eine aus, weil sie nicht mehr gut ist. Aber offensichtlich hat sie Freude an dem Fang Köstlichkeiten.

Neben den üblichen Geschäften hat sich auf Wochenmärkten mittlerweile eine Subkultur etabliert,  die unserer Wegwerfgesellschaft  entgegensteht: findige Bürger sortieren aus, was für den Abfall zu schade ist, und sparen so viel Geld.
Auf Wochenmärkten sind Stände auf Waren spezialisiert, die das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten haben, und bieten diese zum halben Preis an. Je nach Produktart sind diese noch Tage oder sogar Wochen bedenkenlos verzehrbar. Auch so kann man preisbewusst einkaufen.
Wer seinen Einkaufszettel entsprechend gestaltet – was zugegebenermaßen ein wenig Erfahrung erfordert - kann viele Euros einsparen.

Glanz-poliert vom Discounter

Was auf dem Wochenmarkt oft üblich ist, funktioniert im Supermarkt nur ganz vereinzelt. Ware, die nicht geht, wird meist weggeworfen – ob es der Apfel ist, der einen dunklen Flecken hat, das Joghurt, dessen Mindesthaltbarkeitsdatum heute abläuft oder Brot und Kuchen von gestern.

Darauf angesprochen, warum so viel Ware, die noch genießbar ist, weggeworfen wird,  wird  als Grund das Verbraucherverhalten genannt:
Zum einen erwarte der Kunde noch kurz vor Geschäftsschluss volle Regale mit der vollen Auswahl. Zum anderen lasse er aber Ware liegen, die nicht tadellos aussieht, auch dann wenn sie noch hervorragend zum Verzehr geeignet ist.
Hier soll nicht weiter darauf eingegangen werden, ob tatsächlich der Kunde stärker das Geschäftsverhalten der Supermarkt-Ketten prägt oder das Marketing der Ketten das Kundenverhalten.
Vielleicht würde der Kunde doch gerne auch nach Äpfeln mit ungleicher Färbung und Flecken greifen, wenn er nicht einem Überangebot von künstlich aufgepeppten, Glanz-polierten Früchten gegenüberstände und wenn nicht die Werbung das Ideal der ästhetischen Einheitsfrucht preisen würde. Sicherlich bedingen sich Händler- und Kundenverhalten gegenseitig.

Sofern jedenfalls das Kundenverhalten an der Lebensmittelverschwendung Mitverantwortung trägt, können wir alle zur Verbesserung beitragen und dabei Geld sparen. Lasst uns doch auch zu  solchen Lebensmitteln greifen, die sonst im Müll landen würden - sowohl auf dem Wochenmarkt als auch beim Discounter. Und beschweren wir uns, wenn wir sehen, wie gute Früchte und Gemüse aussortiert werden.
Wenn wir so dazu beitragen, dass weniger Nahrung für den Müll produziert wird, dann werden auch dem Discounter weniger Kosten entstehen, die letztlich wir Kunden tragen.

Demonstrativ aus der Cloud oder aus der Tonne

Foodsharing

Tauschen und Verschenken, sind die Prinzipien der Shareconomic (share=teilen).  Diese lassen sich auch auf Lebensmittel anwenden.
Das „Foodsharing“ macht sich die Kontaktmöglichkeiten der Cloud (des Internets) zunutze. Auf spezialisierten Portalen – wie z.B. www.foodsharing.de – kann jeder Lebensmittel anbieten, die zu Hause übrig geblieben sind.
Heute gab es in meiner Nähe ein paar Brötchen, einen Weißkohl und einen Korb mit eingelegtem Gemüse – kostenlos zum Abholen. Mit ein paar Klicks war der Kontakt hergestellt. Abgeholt habe ich mir die Brötchen zu Fuß - war kaum weiter als der Bäcker. Der Weißkohl wäre wohl für mich alleine zu viel gewesen und eingelegtes Gemüse überlasse ich lieber anderen Feinschmeckern. Immerhin,  die Frühstücksbrötchen waren top.
Wer so unterwegs ist, ist dies meist aus Idealismus:  Sicher – man spart Geld dabei. Vor allem aber kann man demonstrieren, dass man Lebensmittel, die übrig geblieben sind, nicht wegwerfen muss.  Schön wäre es, wenn sich immer mehr Menschen am Foodsharing beteiligen und so einen  Bewusstseinswandel fördern würden, der den Wert eines Lebensmittels zu würdigen weiß.
Dies treibt vor allem jene  engagierten Bürger um, die abends Restaurants und Geschäfte besuchen und Lebensmittel einsammeln, sie ins Netz stellen und weiterverteilen.
Insbesondere mit kleinen Läden kommt man schnell in Kontakt, baut Vertrauen auf und darf öfters mal ein paar Äpfel vor dem Abfall retten.

Tonnen-Tauchen

So nennt man das „Tauchen“ nach genießbaren Nahrungsmitteln in Tonnen und Containern von Supermärkten oder Lebensmittelgeschäften. Diese Art des Engagements zeigen vor allem junge Leute.  Immer wieder fischen sie frische makellose Lebensmitteln aus den Tonnen, oft komplett und hygienisch verpackt. Geldmangel ist dabei nicht die Antriebsfeder, sondern viel mehr die demonstrative Abkehr von unserer Wegwerfgesellschaft. Diese macht sich offensichtlich nicht ausreichend bewusst, welche Ressourcen verschwendet werden:
Ich denke da zum Beispiel an einen  kleinen Apfel, den ich heute im Regal sah – mit kleinen Flecken. Er wurde  unter Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln in Brasilien groß gezüchtet, unter ständiger Kühlung per Schiff nach Europa transportiert und für den Verkauf aufpoliert und gewachst. Im klimatisierten Supermarkt lag er heute bis kurz vor Ladenschluss – letztendlich fast alleine und landete später wohl im Container  – oder bestenfalls im Schweinetrog.

Denn es geht um unsere Umwelt

Angaben der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) zufolge, landen so weltweit jährlich 1,3 Mrd. Tonnen essbarer Lebensmittel auf dem Müll – Obst, Gemüse, Fleisch, Brot, Konserven.
Laut der WWF Studie „Das große Wegschmeißen“ sind  es allein in Deutschland über 18 Mio Tonnen, das ist etwa eine Drittel des Nahrungsmittelverbrauchs.
Davon ließen sich durch nachhaltige Marketingstrategien und verändertes Konsumverhalten 10 Mio. Tonnen Nahrungsmüll vermeiden.
10 Mio. Tonnen, das hieße:

  • Jährlich 2,6 Mio. Hektar weniger landwirtschaftliche Nutzfläche, die dann für naturverträgliche Landschaften zur Verfügung ständen,
  • Einsparung von Treibhausgasemissionen in Höhe von 48 Mio. Tonnen, die durch Lebensmittelproduktion, -weiterverarbeitung, -kühlung und -transport verursacht werden.
  • und die Reduzierung  großer Mengen an Pestiziden und Düngemittel.

 

5 weitere empfehlenswerte Filme zum Thema: „Essen im Eimer: Die große Lebensmittelverschwendung“

Autor: Andreas Pützer
Bildnachweis: © Lupo  / pixelio.de

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